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Wildes Denken

Autorenbild: Lise Lotte
Lise Lotte
vor 14 Stunden
3 Min. Lesezeit




Herr Stöhr muss mal wieder seine vermeintliche Bildung heraushängen lassen und bedient sich dazu, wie könnte es anders sein, des Midcults: Wovon ist also die Rede, wenn wirr vom wilden Denken sprechen? Damit ist nicht der gleich lautende Begriff bei Claude Levi-Strauss gemeint, sondern ein Denken, dass in seiner Struktur eher an das Rhizom von Deleuze/Guattari oder die kleine Gute Nacht Geschichte vom Spiel und den Zeichen in der Wissenschaft vom Menschen des lieben Märchenonkels Derrida erinnert - wie haben wir seine Märchen immer geliebt, fast mehr als die der grimmigen Brüder. Doch kommen wir endlich mal zum Punkt, den es ja im wilden Denken nicht unbedingt geben muss, aber durchaus kann, es kommt von Höcksken auf Stöcksken, kurz: es ist ein Denken ohne Zentrum, ein endloses inneres vielstimmiges Gespräch über alles Mögliche. Dabei der fröhlichen Wissenschaft ähnlicher als den Naturwissenschaften und auch einer gepflegten Neu-oder Fehlinterpretation von etablierten Begriffen und Texten gegenüber aufgeschlossen.


Natürlich ist die polyphone Hirnstimme eine begnadete Meisterin der Abschweifung, doch ist das nichts vor dem wir Angst haben und was wir pathologisieren sollten, denn wenn wir dieses Wort mal in den Mund nehmen dürfen, ist es unsere natürliche Art zu denken. Ähnlich wie Waldo Lydecker in Laura sitzen wir zwar gerade nicht in der Badewanne, sondern liegen im Bett um unsere Texte zu schreiben. Und zwar auf dem Telephon, nicht wie aus luddistischer Evidenz heraus eigentlich nötig auf der Schreibmaschine in einem Haus mit gestampften Lehmboden. Wir hoffen zudem, dass wir Lydecker nicht darin ähneln einen Mord begannen zu haben. Und um endlich auf die Frage zu antworten, ob es ok sei ein Luddit zu sein: ja, ist es. Jetzt wo das geklärt ist, müssen wir natürlich gestehen, dass wir trotz der Enshittification des Internets immer noch überzeugt sind, dass es mit seinem Hypertext unserem Denken entspricht und das Potential hat, unsere Welt zu einem besseren Ort zu machen. Dazu müssen wir aber die aktuelle Überwachungs- und Gelddruckmaschine überwinden und es wieder zu dem machen, was es in den Visionen seiner frühen Jahren war: Ein Ort der demokratischen Teilhabe und der gemeinschaftlichen Güter. Ein Ort, in dem der freie Wettbewerb der besten Ideen zum Wohle aller stattfindet. Im besten Sinne einer platonischen Akademie und wenn wir schon dabei sind, ab und an mal ein zünftiges Symposium kann nicht schaden.



Doch natürlich reicht das nicht aus, deshalb träumen wir davon die Mauritzer oder Müsteraner Kommune zu errichten. Wie soll sie denn aussehen, fragen wir uns. Vielleicht fangen wir ganz klein an und backen Brot für die Nachbarschaft, verleihen Werkzeuge oder Bücher. Alles ohne das Ziel, damit Profit zu generieren, obwohl wir heute gelernt haben, das alles finanziert werden muss. Selbst der Journalismus. Wir fragen uns natürlich, warum wir unsere Gesellschaft oder zumindest die Mauritzer Kommune nicht um das Ehrenamt herum organisieren können sollten, wenngleich dann wieder die Vereinnahmung durch den kapitalistischen Hegemon droht.


Aber nochmal zurück zu unserem kleinen Ludditen: woran erkennen wir ihn? Bevorzugt daran, dass er eine analoge Armbanduhr trägt und keine Smartwatch, Zeitungen und Bücher auf Papier liest, Musik natürlich auf Vinyl genießt , Briefe statt Textnachrichten verschickt, zum Einschlafen Schafe zählt und Texte nicht in sein MacBook Pro hämmert sondern in sein Notizbuch notiert. Und warum das alles? Weil er nicht will, dass sein Hirn vom Algorithmus aufgefressen und als Brain-Nuggets ausgekackt wird, die dann als reines Gold den faschistoiden TechBros dienen.


Trotz all der postmodernen Überdeterminiertheit ist das Wilde Denken natürlich toll, denn wie alles Selbstdenken macht es unendlichen Spaß und steht darüberhinaus noch für ein wildes Bewusstsein. Das ist doch einen Asbach Uralt wert.

 
 
 

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